Infantilisierung durch Digitalisierung

Erinnerst du noch, als dir das erste Mal jemand ein Foto von seiner aktuellen Mahlzeit geschickt hat? Das beunruhigende Gefühl, dass hier etwas Seltsames und, ja, Gefährliches vor sich geht?

Erinnerst du den Schock, als du das erste Mal personalisierte Werbung erhalten hast, die echt total gut auf dich abgestimmt war und nicht nur aus einem Produkt bestand, das dem, das du gerade gekauft hattest, ganz ähnlich war?

Erinnerst du noch, dass wir früher grammatikalisch korrekt „erinnerst du dich noch“ gesagt haben, als Anglizismen noch Dinge waren, die in der deutschen Sprache als Fremdkörper auftraten und sich noch nicht bis in die grammatischen Strukturen hineingefressen hatten?

Das waren noch Zeiten, als Menschen ohne Navigationsgerät den Zielort ihrer Reise fanden. Als man sich noch ohne elektronische Hilfe bewusst war, wo man sich befindet und wo das in Relation zu anderen Dingen liegt.

Die jüngere Generation ist ja mit den elektronischen Babysittern aufgewachsen, die Älteren fragen sich bisweilen, wie es ihnen als Kind gelungen ist ohne GPS-Gerät im Wald nicht verloren zu gehen und stellen sich die existentiellen Ängste vor, die ihre Eltern durchgemacht haben müssen, weil sie damals ihre Kinder nicht jederzeit anrufen oder gleich orten und abholen konnten.

Mittlerweile kann man sich elektronische Geräte anschaffen, die mit Funktionen wie Schrittzähler, Blutdruckmesser und Kalorienzähler nicht nur den Fitnesstrainer, sondern auch den Arzt nahezu ersetzen.

Beinahe jede Frage beantwortet einem das Internet – nicht immer kompetent, aber doch zuverlässig schnell. Ob man wissen will, wie man nachhaltig menstruiert, ob man Fett in den Ausguss schütten darf oder wie man am Besten auf Toilette geht, keine Frage ist blöde genug für das weltweite Netz. Die Lebensunfähigkeit der nachwachsenden Generation hat ein Level erreicht, das für ältere Menschen eine Quelle beständiger Erheiterung sein könnte, wenn die damit verbundene neue Unmündigkeit nicht so verheerend wäre.

Mit der Hand schreiben kann sowieso keiner mehr, jedenfalls nicht leserlich, Rechtschreibung wird nach gefühlt 200 Rechtschreibreformen auch unisono als ewigggestrig abgetan. Gerechnet wird mit dem Taschenrechner. Dreisatz, Prozentrechnen, Einmaleins… war da mal was?

Und selbst die Ratgeber für die richtige Duschtemperatur, den passenden Zeitpunkt Nudeln in den Topf zu werfen oder ganzheitliches Scheißen lesen zu müssen, ist einfach zu anstrengend. Dafür gibt es Herden von YouTubern, Influencern und Amateursachverständigen, die gutes Geld damit verdienen in eine Kamera zu schauen, während sie vor sich hin plappern. Einen Text wie diesen zu lesen ist den meisten nicht nur von der Länge, sondern auch von der Ausdrucksweise her gar nicht mehr zuzumuten. Es gibt Studien dazu, dass die meisten Internetnutzer nicht einmal drei Sätze über die Überschrift eines Artikels hinauskommen.

So ist es auch mit dem Musik hören. Die Musik hat durch die Digitalisierung ihren Wert verloren. Früher, als es noch Schallplatten gab, dann Tapes und CDs, da war es noch etwas Besonderes, wenn man das neue Album der Lieblingsband in den Händen hielt. Auch Live-Musik gab es bis vor einigen Jahren noch. Heute muss der neue Song, den man auf Spotify anklickt, in der ersten Minute, lieber schon in den ersten dreißig Sekunden rocken, sonst wird er abgeschaltet, was man den modernen, ähm, „Kompositionen“ auch deutlich anhören kann. Für einen langsamen, mehrschrittigen Songaufbau ist einfach keine Zeit mehr.

Was wäre, wenn die Cyberattacke uns das Internet wegnähme? Wer wäre überhaupt noch in der Lage zu funktionieren? Gibt es noch Bankberater, die ohne elektronische Krücke Zinsmargen und Kreditrahmen ausrechnen können (oder den Fehler in der Rechnung „1/5>1/4“ finden)? Gibt es noch Autos, die ohne Bordcomputer starten können? Gibt es noch Behörden, die ohne Computer… was, Kai-Uwe? Die deutschen Gesundheitsämter arbeiten noch mit Fax? Kein Wunder, dass die Infilienzwerte immer so verzerrt sind. Nicht nur die Piraten-Partei, von der man das ja erwarten kann, alle arbeiten sie mittlerweile mit „Copy and Paste“, so dass nicht nur die Politik der verschiedenen Parteien genau die gleiche ist, sondern auch ihre Parteiprogramme sich lesen, als stammten sie vom gleichen Autor. Dieses Phänomen geht aber weit über die Politik hinaus. Es braucht gar kein zentrales Wahrheitsministerium mehr – außer das in Silicon Valley – damit die Leute als Meinungsklone auftreten. Die sozialen Medien mit ihren Shitstorms und ihrer Cancel Culture definieren, was man sagen darf und was nicht. Wer etwas Unsagbares sagt, muss vor dem Twittermob im Staub kriechen oder es wird so lange Druck ausgeübt, bis sein Arbeitgeber die Konsequenz zieht und sich von dem Normabweichler trennt.

Betreutes Denken bedeutet gar nicht in allen Fällen, dass es konkrete Vorgaben gibt, was heute zu denken ist. Oft genügt es einen Rahmen abzustecken, innerhalb dessen Denken stattfinden darf. Statt den Schafen zu sagen, welches Gras sie fressen dürfen, wird einfach der Zaun strategisch günstig aufgestellt. Der Effekt ist der gleiche.

Wie bullshittig Digitalisierung ist weiß jeder Arbeitnehmer, der schon einmal auf eine entsprechende Fortbildung geschickt wurde. Wie Seminare zu Teambuilding und Kooperation fehlen bei diesen Veranstaltungen die Inhalte komplett und es geht nur um das Formale. Egal, ob man Daten hat oder nicht, Hauptsache man hat ein Datenverarbeitungsprogramm.

Wer weiß noch, dass man früher mehr oder weniger direkt mit dem eigenen PC kommunizieren konnte? Es war durchaus möglich mit bestimmten Eingabebefehlen ohne Umwege auf die Maschine einzuwirken. Dann kam Microsoft. Unter dem Vorwand der Vereinfachung stahl Gates dem User die direkte Verbindung zu seinem Gerät. Windows wird ja nicht umsonst eine „Oberfläche“ genannt. Plötzlich war das Einwirken auf den digitalen Begleiter nur noch in von Microsoft definierten Rahmenbedingungen möglich – und natürlich hat jede neue Windowsversion diese Rahmenbedingungen weiter in die Richtung verschoben, dass man abhängiger vom Betriebssystem wurde, weniger selbst einstellen konnte und mehr überwacht wurde. Wie bei der Kommunikation mit einem Fremdsprachler: Die andere Sprache zu lernen ist anstrengend und zeitraubend, aber der Dolmetscher verfälscht die Kommunikation auch dann durch seine subjektive Sicht, wenn er keine bösen Absichten hat. Und niemand mit einem IQ über der Raumtemperatur wird so naiv sein heute noch zu glauben, dass Microsoft keine bösen Absichten hat.

Der Eindruck, dass beinahe die gesamte Jugend mit dem Smartphone geradezu verwachsen ist, täuscht nicht. Zwar ist das Gerät noch außerhalb des Körpers und könnte tatsächlich weggelegt werden, wenn der Wille und die Fähigkeit dazu bestünde. Aber die Dinger sind tatsächlich nicht mehr wegzudenken, wenn man nicht riskieren möchte, Jugendliche in die Verzweiflung zu treiben. Viele von ihnen würden wahrscheinlich so lange hilflos im Kreis laufen und „eieieieiei…“ vor sich hinmurmeln, bis man ihnen ihr Gerät wiedergäbe.

Und das alles ist ja erst der Anfang! Jetzt bauen sie Autos, die nicht nur selbsttätig fahren können, sondern auch in der Lage sein sollen im Falle eines Unfalls die ethische Entscheidung darüber zu treffen, wer gefährdet und wer geschützt wird. Angeblich wird so „menschliches Versagen“ ausgeschlossen und die Zahl der Verkehrstoten minimiert. Wer lieber selbst das Vehikel steuert ist schon heute ein Ewiggestriger und morgen dann wahrscheinlich ein unsolidarischer und verantwortungsloser Gefährder.

Der RFID Chip eröffnet dann noch einmal ungeahnte Möglichkeiten der Entmündigung. Die stolzen Versuchscyborgs jubeln darüber, dass sie ja vorher immer, wirklich immer ihre Schlüssel vergessen haben und nun per Chip die Türen aufschließen können. Auch Dinge wie Bankkarten, Identifizierungspapiere oder – igitt! – Bargeld mit sich herumzuführen ist dem Homo Novus eigentlich nicht mehr zumutbar.

Und wenn das Internet dann bald per Datenbuchse direkt ans Gehirn angeschlossen ist, dann erübrigt sich auch jede Forschung zur direkten Beeinflussung des Gehirns, weil man über die Manipulation des Internets dann indirekt die Gedanken steuern kann, so wie es heute schon ohne Direktverbindung durchgeführt wird und erschreckend gut funktioniert.

Das ist der wahre Transhumanismus. Die Abschaffung der analogen Lebensfähigkeit des Menschen.

Author: headofspear

Erster Speerzenturio des Kollektivs