Märchenstunde: Schafe im Weltraum

Es war einmal, auf einem weit, weit entfernten Planeten in einer völlig anderen Galaxie als der unseren, eine Spezies von Weltraumschafen. Diese hatten das Pech, dass böse Weltraumwölfe ihren Schafsplaneten kontrollierten und sich so eine Art Schnellimbiss geschaffen hatten. Zu allem Überfluss setzen sie auch noch die Weltraumschäferhunde ein, um die Schafe zu bewachen, während sie selbst in ihren Wolfshöhlen lagen und faulenzten.

Ganz anders als bei uns waren die Weltraumschafe also nicht frei, sondern unterdrückt und geknechtet.

Daher formierte sich irgendwann schafischer Widerstand gegen die Herrschaft des Wolfs.

Wie die Geschichte weitergeht, muss mit einem kleinen quantentheoretischen Exkurs erklärt werden.

Schrödigers Schaf

Fast jeder kennt mittlerweile das Gedankenexperiment von Erwin Schrödiger, in welchem eine Katze in einer Box sitzt, zusammen mit spaltbarem, radioaktivcm Material. Wegen der unmöglich vorhersehbaren quantenmechanischen Vorgänge während der Atomspaltung ist die Katze so lange, bis jemand nachsieht, sozusagen in einem Doppelzustand: Sie ist tot und nicht tot gleichzeitig. Erst wenn man nachschaut, kann man das feeststellen. Das ist ähnlich wie beim Doppelspaltexperiment, bei dem sich Elektronen so lange wie Wellen verhalten, bis man sie einzeln misst, dann verhalten sie sich plötzlich wie Teilchen. Verrückt, diese Physik, oder?

Was hat das alles jetzt mit dieser Geschichte zu tun? Nun, so lange bis die Schafe ihren Widerstand formiert und gehandelt haben, sind sie sozusagen in der Box. So wie die Katze von Schrödinger eben. Das heißt, wir können gar nicht wissen, ob die Schafe sich so verhalten werden wie in der ersten Version (a) oder der zweiten (b). Deshalb dieser kleine Einschub. Es ist ja nicht unbedingt üblich, eine Geschichte mit zwei verschiedenen Enden zu schreiben, aber die quantentheoretischen Gesetzmäßigkeiten sind universell im, ja, im Universum. Und sie gelten daher auch für Schafsplaneten, die ganz, ganz weit von unserem entfernt sind und gar keine Ähnlichkeit mit unserer Erde haben.

Version a: Die dummen Schafe

Die Schafe formierten ihren Widerstand. Einige von ihnen blieben aber dabei, sich in kleinen Gruppen zu treffen und darüber zu meckern, wie blöd sie das mit der Wolfsherrschaft fanden. Das war zwar als eine Art schafige Gruppentherapie zeitweise eine ganz gute Idee, führte aber eben auch dazu, dass diese Gruppen nicht viel mehr taten als zu labern.

Andere Schafsgruppen, vor allem Jüngere, waren wütender als die Gesprächskreise und fingen an, gegen die Schäferhunde vorzugehen. Zwar erzielten sie einige kleine Erfolge bei geheimen Aktionen gegen Hundehütten, aber insgesamt legten die Hunde ihnen doch schnell das Handwerk und die Wölfe nahmen den „Terrorismus“, wie sie das nannten, zum Anlass, noch härtere Schafsgesetze zu beschließen, wodurch den Schafen mehr und mehr die Hände gebunden waren und sie nicht mehr viel gegen die Wolfsherrschaft tun konnten. Immer mehr Schafe arbeiteten nun mit den Wölfen zusammen, verrieten die Widerstandsschafe an die Schäferhunde und wurden mit Extraportionen Gras belohnt, die sie fett und träge machten. Die so Gemästeten waren unter den Wölfen als besondere Delikatesse äußerst beliebt. Wenn die Schafe doch bloß nicht gegen die Schäferhunde vorgegangen wären, sondern sich mit ihnen gegen die Wölfe verbündet hätten!

Version b: Die klugen Schafe

Die Schafe formierten ihren Widerstand. Sie trafen sich in kleinen Gruppen, aber sie meckerten nicht nur, sondern vernetzten sich mit anderen Gruppen. Außerdem planten sie kleinere Aktionen und führten diese auch durch, um andere Schafe, die noch schliefen, aufzuwecken, damit sie sich dem Widerstand anschließen konnten. Vor allem nahmen die Wortführer der Widerstandsschafe auch Einfluss auf die Schäferhunde. Diese begannen zu erkennen, dass sie den falschen Herren, den Wölfen, dienten. Waren sie nicht eigentlich angetreten, um die Schafe zu beschützen?

Unterdessen waren die jüngeren Schafe zwar wütend, beschränkten ihre Aktionen aber auf Schabernack und gingen vor allem nicht gegen Hundehütten vor.

Als die Schäferhunde dann anfingen, etwas gegen die Wölfe zu unternehmen, schlossen sich die jüngeren und älteren Schafe einfach an oder hielten zumindest die Füße still und warnten die Wölfe nicht.

Plötzlich gab es eine absurde Situation: Die Wölfe konnten befehlen, was sie wollten, es gab niemanden mehr, der ihre Befehle ausführte. Sie bäumten sich auf und drohten, alle Schafe auf der Stelle zu verspeisen, aber die Schafe – und Schäferhunde – blieben unbeeindruckt. Als der erste Wolf versuchte, die Zähne zu fletschen, um den Schafen Angst zu machen, wurde offenbar, dass er schon sehr alt war und gar keine Zähne mehr im Maul hatte. Das galt für alle Wölfe. Ohne die Schäferhunde waren sie nur Witzfiguren, vor denen kein Schaf Angst haben musste. Schafe und Schäferhunde befreiten sich von der Wolfsherrschaft und fortan beschützten die Schäferhunde die Schafe, statt sie im Auftrag anderer zu bewachen und zu knechten.

Author: headofspear

Erster Speerzenturio des Kollektivs